Moderna meldet sich zurück: Wird aus dem Covid-Star jetzt eine der spannendsten Biotech-Turnaround-Storys?
Positive Phase-3-Daten zur personalisierten Krebstherapie verändern die Moderna-Story. Doch hohen Chancen stehen weiterhin Verluste, Kapitalbedarf und erhebliche Biotech-Risiken gegenüber.
Noch vor wenigen Monaten schien die Geschichte von Moderna an der Börse weitgehend erzählt zu sein. Die Herstellung des Covid-19-Impfstoffs hatte dem Biotechnologieunternehmen während der Pandemie Milliardenumsätze beschert und die Aktie zeitweise zu einem der größten Gewinner an der Wall Street gemacht. Mit dem Ende der Pandemie brachen jedoch die Impfstofferlöse ein und mit ihnen der Aktienkurs.
Im August hat sich die Wahrnehmung des Unternehmens innerhalb weniger Wochen grundlegend verändert. Ausgerechnet die Technologie, deren langfristiges Potenzial von vielen Investoren zunehmend infrage gestellt wurde, könnte Moderna nun eine zweite Wachstumsstory eröffnen: mRNA-basierte Krebstherapien.
Gemeinsam mit Merck hat Moderna bei einer personalisierten Krebstherapie gegen Melanome positive Phase-3-Ergebnisse erzielt. Die Nachricht löste eine der spektakulärsten Kursbewegungen des Jahres aus. Allein am 19. August sprang die Moderna-Aktie um rund 177 Prozent nach oben. Im gesamten August gewann der Titel rund 156 Prozent und war damit der mit Abstand stärkste Wert im S&P 500.
Aus einem weitgehend abgeschriebenen Pandemiegewinner ist damit innerhalb weniger Wochen wieder eine der meistdiskutierten Biotech-Aktien an der Wall Street geworden. Der entscheidende Auslöser war die Phase-3-Studie INTerpath-001. Moderna entwickelt gemeinsam mit dem Pharmakonzern Merck den Wirkstoff Intismeran Autogene, früher unter der Bezeichnung mRNA-4157 beziehungsweise V940 bekannt. Dabei handelt es sich nicht um eine klassische Impfung, die gesunde Menschen vor einer Krebserkrankung schützen soll. Vielmehr geht es um eine personalisierte therapeutische Krebsimpfung für bereits erkrankte Patienten.
Die Technologie ist faszinierend: Zunächst wird der Tumor eines Patienten genetisch analysiert. Anschließend werden individuelle Mutationen identifiziert, die als Angriffspunkte für das Immunsystem dienen können. Auf Basis dieser Informationen wird für den jeweiligen Patienten eine individuelle mRNA-Therapie hergestellt.
Vereinfacht gesagt soll dem Immunsystem damit gezeigt werden, welche charakteristischen Merkmale die Krebszellen des jeweiligen Patienten besitzen. Anschließend soll es diese gezielter erkennen und bekämpfen.
Moderna kombiniert die Therapie mit Mercks erfolgreichem Krebsmedikament Keytruda. In der Phase-3-Studie bei Patienten mit vollständig entferntem Hochrisiko-Melanom erreichte die Kombination die wichtigen Studienziele des rezidivfreien Überlebens und des Überlebens ohne Fernmetastasen. Neue relevante Sicherheitssignale wurden nach Angaben der Unternehmen nicht festgestellt.
Das ist für Moderna wesentlich mehr als ein positiver Studienerfolg. Es ist ein erster größerer Beleg dafür, dass die mRNA-Technologie außerhalb klassischer Infektionskrankheiten kommerziell relevante Anwendungen besitzen könnte.
Warum der Durchbruch so bedeutend ist
Die Idee therapeutischer Krebsimpfstoffe ist keineswegs neu. Forscher versuchen seit Jahrzehnten, das Immunsystem gezielt gegen Tumorzellen zu aktivieren. Zahlreiche Ansätze sind jedoch gescheitert. Genau deshalb besitzt der Erfolg von Moderna und Merck eine besondere Bedeutung. Reuters bezeichnete das Ergebnis als ersten Erfolg einer therapeutischen Krebsimpfung in einer späten klinischen Studie nach mehr als einem Jahrhundert entsprechender Forschungsversuche.
Für Investoren verändert das die Wahrnehmung des gesamten Unternehmens.
Bislang bestand eine der größten Sorgen der Investoren darin, dass die mRNA-Plattform zwar bei Covid außergewöhnlich erfolgreich war, sich daraus aber möglicherweise kein ähnlich bedeutendes Geschäft in anderen Bereichen entwickeln lässt.
Die Melanomdaten liefern nun erstmals einen sehr starken Gegenbeweis.
Noch wichtiger ist die mögliche Übertragbarkeit des Ansatzes. Die Technologie wird nicht ausschließlich bei Melanomen untersucht. Weitere Studien beschäftigen sich mit anderen Tumorarten. Sollte sich das Konzept dort ebenfalls bewähren, könnte daraus langfristig eine neue Klasse personalisierter Krebstherapien entstehen.
Für Moderna wäre das möglicherweise der Beginn einer völlig neuen Unternehmensphase. Die Reaktion der Börse zeigt, wie stark sich die Erwartungen verändert haben. Am 18. August hatte die Moderna-Aktie noch bei 62,96 Dollar geschlossen. Nur einen Tag später beendete sie den Handel bei 174,38 Dollar und erreichte intraday sogar 176,66 Dollar. Das Handelsvolumen explodierte auf knapp 200 Millionen Aktien.
Solche Bewegungen sind selbst für Biotechnologieaktien außergewöhnlich.
Allerdings folgte unmittelbar die Erinnerung daran, wie hoch die Volatilität des Titels inzwischen ist. Bereits am nächsten Handelstag verlor die Aktie rund 24 Prozent. Danach schwankte sie zwischenzeitlich erneut zwischen etwa 130 und 160 Dollar. Zum Monatsende schloss Moderna bei 140,34 Dollar.
Damit blieb trotz der heftigen Gewinnmitnahmen ein Monatsplus von rund 156 Prozent bestehen.
Die Aktie wird momentan weniger nach den aktuellen Gewinnen bewertet als nach den zukünftigen Erfolgschancen der Pipeline. Neue klinische Daten können deshalb innerhalb weniger Stunden Milliarden Dollar Börsenwert schaffen oder vernichten.
Das aktuelle Geschäft erzählt noch eine ganz andere Geschichte
Die Euphorie um die Krebsforschung sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass Moderna operativ weiterhin mitten in einem schwierigen Übergang steckt.
Im zweiten Quartal 2026 erzielte das Unternehmen lediglich 145 Millionen Dollar Umsatz. Im entsprechenden Vorjahresquartal waren es 142 Millionen Dollar gewesen. Gleichzeitig entstand ein Nettoverlust von rund 800 Millionen Dollar beziehungsweise 1,97 Dollar je Aktie.
Diese Zahlen verdeutlichen das zentrale Problem: Moderna verfügt über eine große und kostspielige Forschungsplattform, während die früheren Covid-Umsätze massiv zurückgegangen sind.
Das Unternehmen verbrennt daher weiterhin erhebliche Mengen Kapital.
Ende Juni verfügte Moderna über liquide Mittel und Investments von rund 6,9 Milliarden Dollar, nach 7,5 Milliarden Dollar Ende März. Zusätzlich zahlte das Unternehmen im Juli rund 950 Millionen Dollar im Zusammenhang mit einem Rechtsstreit.
Positiv ist allerdings, dass das Management inzwischen stärker auf die Kosten achtet. Moderna senkte den erwarteten operativen Aufwand für 2026 nochmals um etwa 200 Millionen Dollar und erhöhte gleichzeitig die erwartete Liquiditätsposition zum Jahresende auf 4,7 bis 5,2 Milliarden Dollar.
Das verschafft dem Unternehmen Zeit und Zeit ist für Biotechunternehmen mit großen klinischen Pipelines ausgesprochen wertvoll.
Der Krebsimpfstoff ist nicht die einzige positive Entwicklung der vergangenen Wochen.
Anfang August erhielt Moderna von der FDA die Zulassung für den saisonalen Influenza-Impfstoff mFLUSIVA. Damit erreichte ein weiteres Produkt aus der mRNA-Plattform den amerikanischen Markt.
Ende August folgte zudem die FDA-Zulassung der aktualisierten Covid-Impfstoffe für die Saison 2026/2027. Allerdings bleibt der amerikanische Covid-Impfstoffmarkt regulatorisch schwieriger als während der Pandemie. Die aktuellen Zulassungen konzentrieren sich stärker auf ältere Menschen und Personen mit erhöhtem Risiko für schwere Krankheitsverläufe. Für Moderna bedeutet dies, dass Covid zwar weiterhin Umsatz generieren kann, die zukünftige Investmentstory aber zunehmend von anderen Produkten abhängen dürfte.
Wie bei jedem Biotechnologieunternehmen gibt es gleichzeitig Rückschläge.
Der Norovirus-Impfstoff mRNA-1403 erfüllte bei einer Zwischenanalyse der Phase-3-Studie nicht die statistischen Kriterien für einen vorzeitigen Erfolg. Moderna plant deshalb, eine zusätzliche Patientengruppe in die Studie aufzunehmen. Auch das gehört zur Realität des Geschäftsmodells.
Moderna besitzt zwar eine Technologieplattform, mit der vergleichsweise schnell neue Wirkstoffkandidaten entwickelt werden können. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass jeder dieser Kandidaten erfolgreich sein wird.
Für Anleger entsteht deshalb eine Art Portfolioeffekt: Je mehr klinisch fortgeschrittene Programme Moderna besitzt, desto weniger hängt der Unternehmenswert langfristig von einem einzelnen Produkt ab. Bis dieses Stadium erreicht ist, bleibt die Aktie allerdings stark von einzelnen Studienergebnissen abhängig.
Neue Milliardenfinanzierung sorgt für zusätzliche Diskussionen
Nach dem enormen Kursanstieg nutzte Moderna Ende August zudem das verbesserte Kapitalmarktumfeld. Das Unternehmen kündigte eine Platzierung von Wandelanleihen an, deren Volumen auf 2,6 Milliarden Dollar ausgeweitet wurde. Strategisch ist dieser Schritt nachvollziehbar. Die Entwicklung und Kommerzialisierung neuer Medikamente kostet Milliarden, während Moderna weiterhin Verluste schreibt. Zusätzliche Liquidität verlängert damit den finanziellen Spielraum für Forschung, klinische Studien und die Vorbereitung neuer Produkte.
Für Aktionäre haben Wandelanleihen allerdings zwei Seiten. Einerseits stärken sie die Finanzierung des Unternehmens. Andererseits können sie bei späterer Wandlung zu einer Verwässerung der bestehenden Aktionäre führen. Nach dem massiven Kursanstieg ist die Finanzierung deshalb ein weiterer Punkt, den Anleger beobachten sollten.
Die Investmentstory von Moderna hat sich damit grundlegend verändert.
Moderna ist heute wesentlich schwieriger zu bewerten. Der Unternehmenswert basiert zunehmend auf Wahrscheinlichkeiten. Wie groß wird der Markt für personalisierte Krebstherapien? Wie schnell könnte Intismeran Autogene zugelassen werden? Wie werden sich Moderna und Merck die wirtschaftlichen Erträge teilen? Funktioniert die Technologie auch bei anderen Krebsarten? Und welche weiteren Produkte aus der Pipeline erreichen den Markt?
Das sind Fragen, auf die es heute noch keine endgültigen Antworten gibt.
Darin liegt gleichzeitig das Potenzial und das Risiko der Aktie.

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