Grönland-Krise – Wer gewinnt am Ende den Kampf um ein „Stück Eis“?
Diplomatischer Rückzug oder strategischer Triumph? Hinter den Kulissen der Grönland-Krise zeichnet sich ein klarer Gewinner ab.
Viel Erleichterung herrscht auf den Börsenparketts dieser Welt nach der Rede des US-Präsidenten Trump in Davos, vor allem aber nach den Nachrichten, die dann am Abend aus dem Schweizer Hochgebirge über die Ticker liefen. Parallel zu einem Rahmenabkommen über Grönland will die US-Regierung nun wieder Abstand von den noch am Wochenende angedrohten Strafzöllen nehmen.
Großbritannien-Zypern-Modell als Blaupause?
Handelt es sich aber wirklich um einen Rückzug von Donald Trump und sind seine Äußerungen als ein Zeichen von Schwäche zu interpretieren? Es erscheint sehr plausibel, dass es sich hierbei um eine klassische Nebelkerze handelt, die die Aufmerksamkeit von Washingtons tatsächlichem Sieg ablenken soll. Berichte der New York Times deuten darauf hin, dass eine Vereinbarung zwischen den USA, der NATO, Dänemark und Grönland die Umsetzung eines Modells beinhalten könnte, das zuvor in den Beziehungen zwischen Großbritannien und Zypern angewendet wurde. Langfristig könnte ein solcher Schritt zu einer vollständigen Neugestaltung des Machtgleichgewichts in der Arktis führen, was eindeutig zum Vorteil der Vereinigten Staaten wäre.
Souveräne Stützpunkte unter US-Flagge
Ein entscheidendes Element, das aktuell noch übersehen wird, ist der Verweis in den Dokumenten auf den rechtlichen Status der britischen Stützpunkte Akrotiri und Dhekelia in Zypern. Die Anwendung dieses spezifischen Rechtsrahmens auf Grönland würde, sollte dies geschehen, weit über eine einfache Verlängerung der militärischen Pachtverträge hinausgehen. Die USA dürften versuchen, Enklaven zu errichten, über die sie die volle und ausschließliche Souveränität ausüben – beispielsweise um eine uneingeschränkte Mineralgewinnung zu ermöglichen oder für das fast 200 Milliarden US-Dollar teure „Golden Dome“-Projekt. Damit würden diese Gebiete sowohl der dänischen als auch der grönländischen Gerichtsbarkeit entzogen.
Ein solches Manöver würde es den USA ermöglichen, ihre Flagge (wie in Trumps jüngstem Meme symbolisiert) dauerhaft an strategisch wichtigen Punkten der Insel zu hissen, ohne den politisch unmöglichen und wirtschaftlich irrationalen Schritt eines Kaufs des gesamten Territoriums zu gehen. Auf diese Weise hätte Trump das erreicht, was ihm am wichtigsten war: die absolute Kontrolle über ausgewählte Gebiete, während Dänemark die kostspieligen Verwaltungsaufgaben für den Rest der Insel übernimmt.
Die verborgene Dimension der Rohstoffe
Der interessanteste Aspekt dieses Szenarios betrifft den Zugang zu Seltenen Erden. Es wird erwartet, dass die USA zeitnah mit der Förderung im Tanbreez-Vorkommen auf Grönland beginnen. Seit Ende vergangenen Jahres wird dieses Projekt vom börsennotierten Unternehmen Critical Metals Corp. kontrolliert, das es von einem australischen Unternehmen erworben hat, das zuvor an diesem Standort nach Seltenen Erden gesucht hatte.
Angrenzend an Tanbreez liegt ein weiteres strategisch wichtiges Bergbauprojekt – Kvanefjeld –, das von dem australischen Unternehmen Energy Transition Minerals (ETM) kontrolliert wird, an dem chinesisches Kapital zu etwa 21 Prozent beteiligt ist. In diesem Jahr plant ETM jedoch den Börsengang an der Nasdaq. Ein solcher Schritt würde eine Verwässerung der chinesischen Beteiligung ermöglichen und das Unternehmen in ein von amerikanischem Kapital dominiertes Unternehmen verwandeln. Wenn der Börsengang wie geplant verläuft, würden somit beide strategisch wichtigen Lagerstätten bis Ende des Jahres effektiv unter US-Kontrolle stehen.
Noch aber verbietet das derzeitige grönländische Recht den Uranabbau effektiv, was das Kvanefjeld-Projekt lahmgelegt hat. Die Schaffung einer souveränen US-Basis, die dieses Gebiet umfasst, würde lokale Beschränkungen automatisch aufheben. Das US-Bundesrecht erlaubt nicht nur den Uranabbau, sondern erkennt ihn ausdrücklich als eine Frage der nationalen Sicherheit an. Wenn das Modell Großbritannien-Zypern hier angewendet wird, hätte Trump einen langjährigen Rechtsstreit zwischen ETM und den grönländischen Behörden beigelegt, in dem das Unternehmen eine Entschädigung in Höhe von elf Milliarden US-Dollar für die Einführung des Bergbauverbots fordert.
Bitteres Fragezeichen hinter Europas Rolle in der neuen Ordnung
An dieser Stelle muss eine grundlegende Frage gestellt werden: Was hat Europa auf dem Gipfeltreffen in Davos tatsächlich erreicht? Möglicherweise besteht die einzige Belohnung für den alten Kontinent in einer vorübergehenden Befreiung von Zöllen und einem oberflächlichen Gefühl moralischer Überlegenheit gegenüber einem vermeintlich zaghaften US-Präsidenten. Man muss sich fragen, ob die europäischen Staats- und Regierungschefs ernsthafte Anstrengungen unternommen haben, um sich eine Beteiligung an diesen Rohstoffprojekten zu sichern.
Europa könnte am Ende mit nichts weiter als vagen Sicherheitszusagen dastehen, die ohnehin mit den nationalen Interessen der USA übereinstimmen. Wenn es Brüssel hinter verschlossenen Türen nicht gelungen ist, den Zugang zu diesen gewonnenen Ressourcen oder den Technologietransfer zu garantieren, dann ist jede Behauptung eines Verhandlungserfolgs eine Illusion. Trump hat die Ressourcensicherheit für die Vereinigten Staaten – und indirekt für die NATO als Ganzes – gesichert, doch die Kontrolle über die Seltenen Erden wird allein in den Händen Washingtons liegen.
Ferner würde ihm diese Vereinbarung ermöglichen, sein wichtigstes Wahlkampfprojekt, den Golden Dome, ohne die Zustimmung anderer umzusetzen. Alles deutet darauf hin, dass Washington unter dem Deckmantel eines diplomatischen Rückschlags eine der spektakulärsten geopolitischen Akquisitionen des 21. Jahrhunderts abgeschlossen haben könnte – vorausgesetzt, das Modell Großbritannien-Zypern wird vollständig umgesetzt.

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