Viking Therapeutics: Herausforderer im Milliardenmarkt für Abnehmmedikamente
Starke VK2735-Daten, Phase-3-Studien und eine orale Variante eröffnen Viking enormes Potenzial – bei weiterhin hohen klinischen und finanziellen Risiken.
Der weltweite Markt für Medikamente gegen Adipositas gehört zu den größten Wachstumsthemen des Pharmasektors. Novo Nordisk und Eli Lilly haben mit ihren GLP-1-basierten Medikamenten einen Milliardenmarkt geschaffen, gleichzeitig nimmt der Wettbewerb um neue Wirkstoffe, bessere Verträglichkeit und komfortablere Darreichungsformen deutlich zu. Mit Viking Therapeutics (NASDAQ: VKTX) versucht ein vergleichsweise kleines US-Biotechnologieunternehmen, sich in diesem Markt zu positionieren. Für Anleger liegt darin erhebliches Potenzial, allerdings verbunden mit den für Biotechnologieunternehmen typischen hohen klinischen, regulatorischen und finanziellen Risiken.
Im Mittelpunkt der Investmentstory steht der Wirkstoffkandidat VK2735. Dabei handelt es sich um einen dualen GLP-1/GIP-Rezeptoragonisten, der sowohl als wöchentliche Injektion als auch als orale Formulierung entwickelt wird. Der Wirkmechanismus weist damit grundsätzlich Ähnlichkeiten mit Tirzepatid von Eli Lilly auf. In Vikings Phase-2-VENTURE-Studie erreichte die injizierbare Version von VK2735 nach 13 wöchentlichen Dosen eine durchschnittliche Gewichtsreduktion von bis zu 14,7 Prozent gegenüber dem Ausgangswert. Bemerkenswert war dabei, dass nach Angaben des Unternehmens zu diesem Zeitpunkt noch kein Plateau bei der Gewichtsabnahme erkennbar war. Die meisten behandlungsbedingten Nebenwirkungen wurden als leicht oder moderat beschrieben.
Für die weitere Bewertung des Unternehmens ist allerdings weniger entscheidend, wie überzeugend die bisherigen Phase-2-Ergebnisse aussehen, sondern ob sich Wirksamkeit und Verträglichkeit in wesentlich größeren Patientengruppen und über längere Zeiträume bestätigen lassen. Genau darauf zielt das inzwischen weit fortgeschrittene Phase-3-Programm VANQUISH ab. VANQUISH-1 untersucht VK2735 bei rund 4.500 Erwachsenen mit Adipositas, während VANQUISH-2 etwa 1.000 Patienten mit Adipositas und Typ-2-Diabetes umfasst. Beide Studien testen unterschiedliche wöchentliche Dosierungen gegenüber Placebo über einen Zeitraum von 78 Wochen und sind inzwischen vollständig rekrutiert. Damit hat Viking zumindest eines der wichtigen operativen Risiken großer Adipositasstudien – die Rekrutierung mehrerer Tausend geeigneter Patienten – bereits weitgehend hinter sich gelassen.
Zusätzliche Aufmerksamkeit erhielt Viking durch neue Studiendaten zur längerfristigen Behandlung mit VK2735. In einer Maintenance-Studie erreichten Patienten, die weiterhin wöchentlich mit 17,5 Milligramm behandelt wurden, nach 33 Wochen eine placebobereinigte Gewichtsreduktion von 22 Prozent. Auch zu diesem Zeitpunkt war nach Angaben des Unternehmens noch kein klares Plateau erkennbar. Noch interessanter könnten langfristig allerdings die Ergebnisse mit verlängerten Dosierungsintervallen sein. Patienten konnten bei einer Gabe alle zwei Wochen bis zu 97 Prozent der zuvor erzielten Gewichtsreduktion erhalten. Bei einer monatlichen Dosierung waren es nach Unternehmensangaben bis zu 90 Prozent.
Gerade dieser Aspekt könnte für die zukünftige Positionierung von VK2735 von Bedeutung sein. Die nächste Phase des Wettbewerbs im Adipositasmarkt dürfte sich nicht ausschließlich darum drehen, welches Medikament die größte maximale Gewichtsreduktion erreicht. Mit zunehmender Verbreitung der Wirkstoffe gewinnt die Frage an Bedeutung, wie sich ein einmal erreichtes niedrigeres Körpergewicht möglichst komfortabel und langfristig erhalten lässt. Sollte sich bestätigen, dass VK2735 nach einer initial intensiveren Therapie nur noch alle zwei oder vier Wochen verabreicht werden muss, könnte Viking ein interessantes Differenzierungsmerkmal gegenüber einer dauerhaft wöchentlichen Injektion besitzen. Allerdings handelt es sich bislang um klinische Studiendaten und nicht um den Nachweis einer zugelassenen monatlichen Erhaltungstherapie. Bis zu einer solchen Anwendung wären weitere klinische und regulatorische Schritte erforderlich.
Ein zweiter wichtiger Bestandteil der Strategie ist die orale Version von VK2735. Viking plant derzeit den Start einer Phase-3-Studie mit der Tablettenform im vierten Quartal 2026. Eine erfolgreiche orale Formulierung könnte die adressierbare Patientengruppe deutlich erweitern, da ein Teil der Patienten Injektionen vermeiden möchte. Gleichzeitig würde Viking dadurch mehrere mögliche Therapieformen mit demselben Wirkstoff abdecken. Denkbar wäre perspektivisch beispielsweise eine initiale Behandlung über eine wöchentliche Injektion und anschließend eine Erhaltungstherapie mit verlängertem Dosierungsintervall oder einer oralen Formulierung. Ob sich ein solches Therapiekonzept tatsächlich durchsetzt, hängt jedoch von den weiteren Studienergebnissen und späteren regulatorischen Entscheidungen ab.
Der Wettbewerb ist dabei erheblich. Eli Lilly und Novo Nordisk verfügen bereits über etablierte Medikamente, große Produktionskapazitäten, globale Vertriebsnetze und umfangreiche finanzielle Ressourcen. Gleichzeitig investieren zahlreiche weitere Pharma- und Biotechnologieunternehmen in orale GLP-1-Wirkstoffe sowie duale und Triple-Agonisten. Viking muss deshalb nicht lediglich zeigen, dass VK2735 eine relevante Gewichtsreduktion ermöglicht. Zum Zeitpunkt einer möglichen Markteinführung muss der Wirkstoff gegenüber dann verfügbaren Konkurrenzprodukten einen überzeugenden Vorteil hinsichtlich Wirksamkeit, Verträglichkeit, Dosierung, oraler Verfügbarkeit, Herstellungskosten oder langfristiger Gewichtserhaltung besitzen.
Neben VK2735 entwickelt Viking mit VK3019 einen weiteren Wirkstoffkandidaten gegen Adipositas. Dabei handelt es sich um einen Amylin-Rezeptoragonisten, für den im Juni eine Phase-1-Studie mit gesunden Erwachsenen gestartet wurde. Amylin entwickelt sich neben GLP-1 zu einem weiteren interessanten Ansatz in der Adipositasforschung. Langfristig könnte VK3019 sowohl als eigenständige Therapie als auch möglicherweise als Bestandteil von Kombinationstherapien interessant werden. Für die gegenwärtige Bewertung von Viking spielt das Programm aufgrund seines frühen Entwicklungsstadiums jedoch eine deutlich geringere Rolle als VK2735.
Bei aller Aufmerksamkeit für die klinischen Daten sollten Anleger die finanzielle Situation des Unternehmens nicht aus dem Blick verlieren. Viking ist weiterhin ein Clinical-Stage-Biotechnologieunternehmen ohne zugelassenes kommerzielles Produkt und erzielt daher bislang keine relevanten Produktumsätze. Gleichzeitig steigen mit dem Fortschritt der klinischen Entwicklung die Kosten erheblich. In den ersten sechs Monaten 2026 meldete Viking einen Nettoverlust von 286,3 Millionen US-Dollar, verglichen mit 111,2 Millionen Dollar im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Der deutliche Anstieg ist vor allem auf die umfangreichen Phase-3-Programme und höhere Forschungs- und Entwicklungsausgaben zurückzuführen.
Ende Juni verfügte Viking über rund 502 Millionen US-Dollar an liquiden Mitteln, Cash-Äquivalenten und kurzfristigen Investments. Ende 2025 waren es noch rund 706 Millionen Dollar. Das Unternehmen verfügt damit weiterhin über erhebliche finanzielle Ressourcen, gleichzeitig zeigt der Rückgang des Cashbestands, wie kapitalintensiv die aktuelle Entwicklungsphase ist. Für Anleger wird die Entwicklung des Cash Burn deshalb neben den klinischen Ergebnissen zu einer wichtigen Kennzahl. Sollten die Entwicklungskosten weiter steigen oder Viking später eigene Produktions- und Vertriebsstrukturen aufbauen wollen, könnte zusätzliches Kapital erforderlich werden. Eine weitere Kapitalerhöhung wäre für ein Biotechnologieunternehmen in dieser Entwicklungsphase nicht ungewöhnlich, würde bestehende Aktionäre jedoch verwässern.
Eine Alternative könnte eine strategische Partnerschaft mit einem größeren Pharmakonzern darstellen. Aufgrund seiner weitgehend eigenständig kontrollierten Adipositas-Pipeline wird Viking zudem regelmäßig als potenzielles Übernahmeziel diskutiert. Die strategische Logik ist grundsätzlich nachvollziehbar: Ein Pharmakonzern ohne starke eigene Position im Adipositasmarkt könnte sich über Viking gleichzeitig Zugang zum injizierbaren und oralen VK2735 sowie zum frühen Amylin-Programm VK3019 verschaffen. Für Anleger sollten solche Spekulationen allerdings nicht den Kern der Investmentthese bilden. Solange keine konkrete Transaktion angekündigt wurde, lässt sich ein möglicher Übernahmepreis nicht belastbar in die fundamentale Bewertung einbeziehen.
Damit besitzt die Viking-Aktie ein ausgeprägt asymmetrisches Chance-Risiko-Profil. Auf der positiven Seite stehen bislang starke klinische Ergebnisse von VK2735, ein vollständig rekrutiertes Phase-3-Programm, die Entwicklung einer oralen Variante sowie die Möglichkeit längerer Dosierungsintervalle zur Gewichtserhaltung. Sollte Viking in Phase 3 vergleichbare Ergebnisse erzielen und gleichzeitig eine überzeugende Verträglichkeit nachweisen, könnte sich die wirtschaftliche Perspektive des Unternehmens erheblich verbessern. Der globale Adipositasmarkt ist groß genug, um neben den heutigen Marktführern weitere erfolgreiche Produkte aufzunehmen, insbesondere wenn diese relevante Vorteile bei Anwendung oder langfristiger Therapie bieten.
Auf der anderen Seite bleibt das klinische Risiko erheblich. Positive Phase-2- oder Maintenance-Daten garantieren weder erfolgreiche Phase-3-Ergebnisse noch eine spätere Zulassung. Hinzu kommen der hohe Kapitalbedarf, mögliche zukünftige Verwässerung, zunehmender Wettbewerb sowie das Risiko, dass sich der Markt technologisch schneller weiterentwickelt als Vikings eigene Pipeline. Da ein großer Teil des Unternehmenswertes derzeit von VK2735 abhängt, könnten enttäuschende Wirksamkeits- oder Sicherheitsdaten erhebliche Auswirkungen auf den Aktienkurs haben.
Für die kommenden Quartale dürfte zunächst der geplante Start der Phase-3-Entwicklung des oralen VK2735 im vierten Quartal 2026 im Mittelpunkt stehen. Danach wird sich die Aufmerksamkeit zunehmend auf die beiden großen VANQUISH-Studien richten. Aufgrund ihrer 78-wöchigen Behandlungsdauer werden deren Ergebnisse einen entscheidenden Einfluss darauf haben, wie der Kapitalmarkt die kommerziellen Perspektiven von VK2735 bewertet. Gleichzeitig sollten Anleger die Cashposition, die Entwicklungskosten und mögliche Fortschritte bei VK3019 beobachten.
Viking Therapeutics gehört damit zu den interessanteren unabhängigen Herausforderern im globalen Adipositasmarkt. Die Investmentstory hat sich zuletzt sogar erweitert. Es geht nicht mehr ausschließlich darum, ob VK2735 eine starke Gewichtsreduktion ermöglicht. Zunehmend stellt sich die Frage, ob Viking daraus eine flexible Plattform entwickeln kann, die sowohl die initiale Gewichtsreduktion als auch die langfristige Gewichtserhaltung über unterschiedliche Darreichungsformen und Dosierungsintervalle adressiert. Gelingt dieser Schritt und bestätigen die großen Phase-3-Studien die bisherigen Ergebnisse, könnte Viking einen relevanten Platz in einem der größten Wachstumsmärkte der Pharmaindustrie einnehmen. Bis dahin bleibt die Aktie jedoch ein typisches Biotechnologieinvestment mit hohen Chancen, aber ebenso ausgeprägten klinischen und finanziellen Risiken.

Wochenvorausschau: 21. bis 25. September 2026
Nach der globalen Notenbankwoche bestimmen Konjunkturdaten und Geopolitik das Geschehen. PMIs und der Trump-Xi-Gipfel könnten dabei die entscheidenden Marktimpulse liefern.

