Finanzmarktbericht zum Wochenstart
Iran-Sanktionen, hohe Anleiherenditen und schwache Technologiewerte sorgen für Vorsicht. Mit Nvidia, PCE-Inflation und Jackson Hole stehen wichtige Impulse bevor.
Die internationalen Finanzmärkte starten zurückhaltend in eine Handelswoche, in der sich mehrere zentrale Risikofaktoren überlagern. Während die Ölpreise am Montagmorgen einen Teil ihrer kräftigen Gewinne aus der Vorwoche abgeben, stehen die Aktienmärkte in Asien unter Druck. Insbesondere der Technologiesektor zeigt Schwäche. Gleichzeitig sorgen die gescheiterten Handelsgespräche zwischen den USA und Kanada, die angekündigte Verschärfung der amerikanischen Iran-Sanktionen sowie die weiterhin hohen Renditen langfristiger US-Staatsanleihen für Zurückhaltung. Für Europa zeichnet sich deshalb zunächst ein nahezu unveränderter Handelsstart ab.
Die politisch wichtigste Entwicklung des Wochenendes betrifft erneut den Konflikt zwischen den USA und Iran. US-Finanzminister Scott Bessent will am heutigen Montag um 18:00 Uhr GMT Details zu einem neuen Sanktionspaket vorstellen, das Washington als die bislang härtesten wirtschaftlichen Maßnahmen gegen Teheran angekündigt hat. Iran reagierte am Sonntag demonstrativ ablehnend. Außenminister Abbas Araghchi bezeichnete die neuen Sanktionen als Zeichen amerikanischer Verzweiflung und erklärte, sie würden ihr Ziel verfehlen. Gleichzeitig bleibt der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus stark eingeschränkt. Nach fast sechs Monaten Krieg gibt es derzeit zwar keine größeren direkten Kampfhandlungen zwischen den USA und Iran, eine Wiederaufnahme ernsthafter Friedensverhandlungen ist jedoch ebenfalls nicht erkennbar. Damit bleibt die wichtigste globale Energietransportroute ein erheblicher Unsicherheitsfaktor.
Die Ölpreise reagieren am Montag dennoch zunächst mit Gewinnmitnahmen. Brent verliert rund 1,5 Prozent auf etwa 93 US-Dollar je Barrel, WTI fällt um rund 1,6 Prozent auf knapp 86 US-Dollar. Die Bewegung sollte allerdings nicht als grundsätzliche Entspannung interpretiert werden: Brent war in der vergangenen Woche um rund 6,6 Prozent gestiegen, nachdem die Gespräche mit Iran ins Stocken geraten waren und die Exporte durch Hormus weiter eingeschränkt blieben. Vor dem Krieg wurden ungefähr 20 Prozent der weltweiten Ölversorgung durch die Meerenge transportiert. Damit bleibt das asymmetrische Preisrisiko bestehen: Eine glaubhafte diplomatische Annäherung könnte weitere geopolitische Prämie aus dem Ölpreis herausnehmen, während zusätzliche Sanktionen gegen Irans Handelspartner oder eine erneute militärische Eskalation Brent schnell wieder in Richtung der jüngsten Hochs treiben könnten.
Für Europa ist diese Entwicklung besonders relevant. Der aktuelle Rückgang der Energiepreise entlastet zunächst Fluggesellschaften, Chemieunternehmen, Logistiker und andere energieintensive Industrien und reduziert kurzfristig den Inflationsdruck. Gleichzeitig bleibt diese Entlastung fragil. Sollte Washington mit den heute angekündigten Sanktionen auch Käufer iranischen Öls stärker ins Visier nehmen, könnte dies vor allem China treffen und die effektive Angebotslage am Ölmarkt weiter verschärfen. Der europäische Markt dürfte deshalb Ölpreisbewegungen auch in dieser Woche stärker als gewöhnlich als Inflations- und Zinssignal interpretieren.
Ein zweiter politischer Belastungsfaktor entstand am Wochenende in Nordamerika. Die Handelsgespräche zwischen den USA und Kanada scheiterten am Freitagabend. Die von Präsident Donald Trump verhängten 50-prozentigen Zölle auf kanadische Waren im Umfang von rund 20 Milliarden US-Dollar traten am Samstag in Kraft. Kanadas Premierminister Mark Carney kündigte als Reaktion entsprechende „Dollar-for-Dollar“-Gegenzölle an, die ab dem 8. September unter anderem amerikanischen Stahl, Elektronik und weitere Produkte treffen sollen. Für Europa ist der unmittelbare Handelsumfang überschaubar, die politische Signalwirkung dagegen größer: Die erneute Eskalation zwischen zwei der engsten Handelspartner der Welt erhöht den Risikoaufschlag auf international verflochtene Automobil-, Industrie- und Konsumgüterunternehmen und zeigt, dass der globale Protektionismus weiterhin ein relevanter Bewertungsfaktor bleibt.
Die deutlichste Reaktion zeigt sich bislang am Devisenmarkt. Der kanadische Dollar verliert rund 0,2 Prozent gegenüber dem US-Dollar und handelt bei etwa 1,379 CAD je USD. Der US-Dollar selbst bleibt gegenüber den meisten anderen großen Währungen dagegen unter Druck. Der Dollarindex hatte in der vergangenen Woche rund 0,8 Prozent verloren. Der Euro notiert am Montagmorgen bei etwa 1,168 US-Dollar, der Dollar bei knapp 159 Yen. Neben der geopolitischen Unsicherheit belasten zunehmend Zweifel an der langfristigen amerikanischen Fiskalposition sowie die Intervention des US-Finanzministeriums am Anleihemarkt den Greenback.
Gerade der US-Anleihemarkt hat sich zu einem der wichtigsten Risikofaktoren für globale Aktien entwickelt. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen liegt zum Wochenstart weiterhin bei rund 4,7 Prozent, die Rendite dreißigjähriger Treasuries bei etwa 5,25 Prozent und damit nur wenig unter ihrem jüngsten 19-Jahres-Hoch von rund 5,34 Prozent. US-Finanzminister Bessent hatte in der vergangenen Woche angekündigt, die Rückkäufe langfristiger Staatsanleihen auf mindestens vier Milliarden Dollar je Transaktion zu verdoppeln. Der anfängliche Renditerückgang hielt jedoch nur kurz an. Für Aktien ist dies entscheidend: Solange langfristige Renditen oberhalb von fünf Prozent beziehungsweise in deren Nähe verharren, steigt der Diskontierungsfaktor für zukünftige Gewinne und insbesondere hoch bewertete Wachstums- und KI-Aktien geraten unter Bewertungsdruck.
Entsprechend schwach präsentiert sich der asiatische Technologiesektor am Montag. Der MSCI-Index für asiatisch-pazifische Aktien außerhalb Japans verliert rund 0,9 Prozent, chinesische Blue Chips liegen etwa 0,8 Prozent im Minus. Der Nikkei 225 bewegt sich nach einem Wochenverlust von fast vier Prozent zunächst nahe seinem Freitagsschluss, während südkoreanische Technologiewerte deutlich schwächer handeln. Australien kann sich dagegen vergleichsweise gut behaupten.
Besonders auffällig ist der Kursrückgang von Samsung Electronics. Die Aktie verlor im frühen Handel zeitweise mehr als acht Prozent. Das Unternehmen hatte am Freitag angekündigt, 2026 zwischen 90 und 110 Billionen Won, bis zu rund 80 Milliarden US-Dollar, an seine Aktionäre zurückzugeben. Obwohl dies einen Rekord darstellt, hatten Investoren offenbar mit einem noch größeren Anteil an Aktienrückkäufen und klareren Aussagen zur Kapitalverwendung gerechnet. Auch SK Hynix geriet unter Druck. Damit zeigt sich eine interessante Veränderung in der Wahrnehmung des KI-Booms: Rekordgewinne allein reichen zunehmend nicht mehr aus. Der Markt verlangt sowohl hohe Kapitalrenditen als auch überzeugende Kapitalallokation.
Ein ähnliches Muster ist in Hongkong zu beobachten. Alibaba verliert zeitweise knapp zehn Prozent, nachdem der Konzern am Sonntag eine Aktienplatzierung über 80 Milliarden Hongkong-Dollar beziehungsweise rund 10,2 Milliarden US-Dollar abgeschlossen hatte. Die 710 Millionen neuen Aktien wurden zu 112,70 HK-Dollar ausgegeben, was einem Abschlag von 8,4 Prozent gegenüber dem vorherigen Schlusskurs entspricht. Die Mittel sollen vollständig in die weitere Expansion der KI-Infrastruktur fließen. Strategisch bestätigt Alibaba damit seine aggressive Positionierung im globalen KI-Wettbewerb; kurzfristig sorgen jedoch Verwässerung und steigende Investitionsausgaben für Druck. Die Aktie belastet entsprechend den Hang Seng und den chinesischen Technologiesektor.
Die schwachen asiatischen Vorgaben treffen auf eine Wall Street, die bereits eine schwierige Woche hinter sich hat. Der S&P 500 konnte sich am Freitag zwar um 0,4 Prozent auf 7.674 Punkte erholen, der Nasdaq Composite gewann ebenfalls 0,4 Prozent und der Dow Jones knapp ein Prozent. Auf Wochensicht verlor der S&P 500 jedoch rund 1,4 Prozent, der Nasdaq etwa 2,1 Prozent und der Dow Jones rund 0,8 Prozent. Damit endeten die vorherigen Gewinnserien. Verantwortlich waren vor allem die steigenden Anleiherenditen, die geopolitische Unsicherheit und zunehmende Skepsis gegenüber der Bewertung einiger Technologiewerte.
Am Montagmorgen signalisieren die US-Futures entsprechend wenig Richtungsbereitschaft. S&P-500- und Nasdaq-Futures bewegen sich nahe der Nulllinie beziehungsweise leicht im Minus. Auch in Europa deuten die Futures auf einen nahezu unveränderten Start hin: Euro-Stoxx-50- und DAX-Futures zeigen kaum Bewegung, während die FTSE-Futures leicht positiv notieren. Für den europäischen Handel spricht dies zunächst für eine selektive Marktphase statt einer klaren Indexbewegung. Energieunternehmen könnten von der weiterhin hohen absoluten Ölpreisstruktur profitieren, während niedrigere Ölnotierungen gleichzeitig Airlines, Logistik und Chemie entlasten. Technologieaktien bleiben dagegen besonders sensibel gegenüber US-Renditen und den bevorstehenden Nvidia-Zahlen.
Ein bemerkenswertes Gegengewicht zu Aktien und Dollar liefert Gold. Der Preis steigt am Montagmorgen weiter in Richtung 4.650 US-Dollar je Feinunze und hatte allein in der vergangenen Woche mehr als fünf Prozent gewonnen. Seit Monatsbeginn beträgt das Plus inzwischen über 15 Prozent. Neben dem Iran-Konflikt spielt dabei zunehmend die Diskussion um die amerikanische Staatsverschuldung und die Intervention des Treasury am Anleihemarkt eine Rolle. Die Sorge, dass Washington versuchen könnte, langfristige Renditen administrativ zu begrenzen, hat den sogenannten „debasement trade“ neu belebt: Investoren reduzieren Dollar-Exposure und erhöhen Positionen in Gold und teilweise auch Bitcoin.
Für die weitere Handelswoche verschiebt sich der Fokus spätestens ab Mittwoch von der Geopolitik auf Geldpolitik, Inflation und Unternehmenszahlen. Am Mittwoch, 26. August, werden in den USA gleichzeitig die Juli-Daten zum PCE-Preisindex, die zweite Schätzung des BIP für das zweite Quartal sowie die Auftragseingänge langlebiger Güter veröffentlicht. Für den Kern-PCE wird derzeit ein monatlicher Anstieg von etwa 0,2 Prozent erwartet; die jährliche Kernrate dürfte nach Reuters-Schätzungen bei rund 3,3 Prozent liegen. Ein höherer Wert würde den ohnehin angespannten US-Rentenmarkt erneut belasten.
Am selben Abend folgt mit den Quartalszahlen von Nvidia möglicherweise der wichtigste unternehmensspezifische Termin der Woche. Analysten rechnen damit, dass der Quartalsumsatz gegenüber dem Vorjahr nahezu auf rund 92 Milliarden US-Dollar verdoppelt wurde. Entscheidend wird jedoch weniger die rückblickende Zahl als der Ausblick auf Rechenzentrumsausgaben, Nachfrage nach KI-Beschleunigern und die Nachhaltigkeit der Investitionswelle bei den großen Hyperscalern sein. Nach der jüngsten Schwäche bei Halbleiter- und KI-Aktien besitzt Nvidia inzwischen wieder das Potenzial, die Richtung für den gesamten Nasdaq und weite Teile des globalen Technologiesektors vorzugeben. Auch Salesforce, CrowdStrike und am Donnerstag Marvell Technology berichten in dieser Woche.
Der geldpolitische Höhepunkt folgt vom 27. bis 29. August mit dem Jackson-Hole-Symposium. Fed-Chair Kevin Warsh spricht am Freitag. Die Terminmärkte sehen derzeit eine Wahrscheinlichkeit von rund 40 Prozent für eine Zinserhöhung bei der Fed-Sitzung am 16. September und rechnen vollständig mit einer weiteren Straffung bis Dezember. Vor dem Hintergrund der hohen langfristigen Renditen und der Treasury-Intervention dürfte jedoch weniger ein einzelner Zinsschritt als die Haltung der Fed zu Bilanzpolitik, Inflation und Finanzmarktbedingungen im Mittelpunkt stehen.
Für den europäischen Handel ergibt sich damit zum Wochenstart ein vorsichtig defensives Gesamtbild. Der Ölpreisrückgang sorgt kurzfristig für Entlastung, reicht aber angesichts der bevorstehenden Iran-Sanktionen nicht für eine echte geopolitische Entwarnung. Gleichzeitig belasten der neue Handelskonflikt zwischen den USA und Kanada, der fragile US-Anleihemarkt und Gewinnmitnahmen bei asiatischen Technologiewerten die Risikobereitschaft. Solange Brent unterhalb der jüngsten Hochs bleibt und die US-Zehnjahresrendite nicht deutlich über 4,75 bis 4,80 Prozent steigt, dürfte ein größerer Risk-off-Impuls zunächst ausbleiben. Für eine nachhaltige neue Aufwärtsbewegung dürften Investoren jedoch auf mindestens eines von drei Signalen warten: überzeugende Nvidia-Zahlen, eine moderate PCE-Inflation oder eine beruhigende Botschaft von Fed-Chair Warsh in Jackson Hole.

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