Finanzmarktbericht zum Wochenstart
Eine vorsichtige Entspannung im Nahen Osten trifft auf neue Zölle, fallende Ölpreise und eine richtungsweisende Woche für Fed und Big Tech.
Die neue Handelswoche beginnt mit einer vorsichtigen Entspannung an den internationalen Finanzmärkten. Im Mittelpunkt steht die Lage zwischen den USA und dem Iran: Beide Seiten verzichteten am Wochenende den zweiten Tag in Folge auf neue Angriffe. Parallel laufen unter Vermittlung Omans Gespräche über eine Rückkehr zu einer vorläufigen Waffenruhe und über sicherere Schifffahrtsbedingungen in der Straße von Hormus. Die Pause ist jedoch noch nicht mit einem belastbaren Waffenstillstand gleichzusetzen. Der Schiffsverkehr durch die Meerenge befindet sich weiterhin auf einem Dreiwochentief, die amerikanische Seeblockade bleibt bestehen und die zentralen Streitfragen – insbesondere das iranische Atomprogramm – sind weiterhin ungelöst. Zusätzliche politische Aufmerksamkeit dürfte das für Dienstag geplante Treffen des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu mit US-Präsident Donald Trump erhalten.
Die deutlichste Marktreaktion zeigt sich am Ölmarkt. Brent-Rohöl zur Lieferung im September verlor nach Handelsbeginn rund 4,9 Prozent auf etwa 92 US-Dollar je Barrel, nachdem der Preis in der vergangenen Woche zeitweise auf 102 US-Dollar gestiegen war. WTI gab um rund 5,6 Prozent auf etwa 84 US-Dollar nach. Damit wird ein erheblicher Teil der zuletzt aufgebauten geopolitischen Risikoprämie ausgepreist. Für die Aktien- und Anleihemärkte ist dies zunächst positiv, weil niedrigere Energiepreise den unmittelbaren Inflationsdruck reduzieren und die Wahrscheinlichkeit einer aggressiveren Reaktion der Zentralbanken begrenzen. Allerdings bleibt die Lage fragil: Durch die Straße von Hormus werden unter normalen Bedingungen rund 20 Prozent der weltweiten Ölversorgung transportiert. Solange sich der Tankerverkehr nicht sichtbar normalisiert, dürfte der Ölpreis sehr sensibel auf neue politische oder militärische Meldungen reagieren.
Die Entspannung kommt zu einem günstigen Zeitpunkt, nachdem die Wall Street eine schwierige Woche hinter sich gebracht hat. Der S&P 500 beendete den Freitag nahezu unverändert, verlor auf Wochensicht jedoch 0,6 Prozent. Der Dow Jones stieg am Freitag um 0,5 Prozent, gab über die gesamte Woche aber 0,4 Prozent nach. Deutlich schwächer entwickelte sich der Nasdaq Composite, der am Freitag 0,6 Prozent und innerhalb der Woche 2,1 Prozent verlor. Neben den steigenden Ölpreisen und Anleiherenditen belasteten insbesondere Zweifel an den hohen Investitionen der großen Technologiekonzerne in künstliche Intelligenz. Zum Wochenstart signalisieren die US-Futures nun eine Erholung: Der Dow-Future liegt etwa 0,7 Prozent höher, während S&P-500- und Nasdaq-100-Futures um rund 0,8 beziehungsweise 1,3 Prozent zulegen.
An den asiatischen Aktienmärkten fällt die Reaktion insgesamt positiv, aber keineswegs einheitlich aus. Der japanische Nikkei 225 liegt leicht im Plus, während der breiter gefasste Topix etwas stärker zulegt. Besonders Fluggesellschaften und Automobilwerte profitieren von den sinkenden Energiepreisen; Japan Airlines und Subaru gehörten zeitweise zu den stärkeren Einzelwerten. Der Hang Seng in Hongkong steigt um rund 0,8 Prozent, und auch der Shanghai Composite bewegt sich mit einem Plus von etwa 0,3 Prozent nach oben. In Australien gewann der ASX 200 im frühen Handel rund 0,9 Prozent. Indien profitiert als großer Ölimporteur besonders deutlich: Sensex und Nifty legten zu, während sich gleichzeitig die indische Rupie gegenüber dem US-Dollar erholte.
Schwächer präsentieren sich dagegen einige der besonders technologieabhängigen Märkte. Der südkoreanische Kospi verliert zeitweise rund ein Prozent, während der taiwanische Leitindex nach einem zunächst freundlicheren Start etwa 0,5 Prozent nachgibt. Damit setzt sich die jüngste Rotation aus hoch bewerteten Halbleiter- und KI-Aktien teilweise fort. Die Entwicklung zeigt, dass die geopolitische Entspannung zwar den Gesamtmarkt stabilisiert, die Bewertungs- und Investitionsdebatte im Technologiesektor aber nicht beendet.
Auch an den Anleihe- und Devisenmärkten wird ein Teil des zuletzt eingepreisten Inflationsrisikos zurückgenommen. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen fällt um etwa fünf Basispunkte auf rund 4,63 Prozent. Gleichzeitig gibt der Dollarindex auf ungefähr 101,2 Punkte nach. Der japanische Yen wertet leicht auf und handelt bei etwa 163,5 Yen je US-Dollar. Für Japan ist der Rückgang des Ölpreises besonders relevant, da die hohe Abhängigkeit von importierter Energie bei gleichzeitig schwachem Yen zuletzt erheblichen Inflationsdruck verursacht hatte.
Bemerkenswert ist die positive Entwicklung des Goldpreises. Trotz der freundlicheren Aktienmärkte steigt die Feinunze um etwa ein Prozent in Richtung 4.100 US-Dollar. Entscheidend sind hier weniger klassische Fluchtbewegungen als vielmehr der schwächere Dollar und die sinkenden Anleiherenditen. Diese Kombination reduziert die Opportunitätskosten des unverzinsten Edelmetalls. Dass Gold trotz der militärischen Pause zulegt, unterstreicht zugleich, dass Investoren die politische Entspannung noch nicht als dauerhaft ansehen.
Ein Gegengewicht zur Entspannung im Nahen Osten bildet die amerikanische Handelspolitik. Die Trump-Regierung hat neue Importzölle von 10 bis 12,5 Prozent auf Waren aus mehr als 80 Ländern eingeführt. Betroffen sind unter anderem die Europäische Union, Großbritannien, Kanada, Mexiko, China, Japan, Indien und Australien. Die Maßnahmen werden mit unzureichenden Kontrollen gegen Produkte aus Zwangsarbeit begründet und stützen sich auf Section 301 des US-Handelsgesetzes. Für europäische Exportwerte – insbesondere aus den Bereichen Automobile, Maschinenbau, Konsumgüter und Chemie – entsteht dadurch erneut Margendruck. Für die USA erhöhen die Zölle zugleich das Risiko steigender Import- und Verbraucherpreise. Zudem sind weitere juristische Auseinandersetzungen über die Rechtmäßigkeit der Maßnahmen wahrscheinlich.
Für den europäischen Handelsstart ergibt sich damit zunächst ein positives, aber selektives Bild. Sinkende Ölpreise und steigende US-Futures sprechen für Kursgewinne bei Fluggesellschaften, Reiseveranstaltern, Logistikunternehmen, Einzelhändlern und anderen energie- oder zinssensitiven Branchen. Öl- und Gasproduzenten dürften dagegen unter der kräftigen Korrektur der Rohölpreise leiden. Bei Automobil- und Industriewerten könnte die Freude über niedrigere Energiekosten durch die neuen US-Zölle begrenzt werden. Europäische Aktien gehen dabei mit einem gewissen Rückenwind in die neue Woche: Der Stoxx Europe 600 hatte den Freitag 0,8 Prozent höher beendet und auch auf Wochensicht leicht zugelegt.
Für die Wall Street dürfte die geopolitische Entspannung lediglich den Rahmen für eine Woche schaffen, die vor allem durch Geldpolitik, Konjunkturdaten und Unternehmenszahlen bestimmt wird. Die US-Notenbank entscheidet am Mittwoch über die weitere Zinspolitik. Am Donnerstag folgen Daten zum amerikanischen Bruttoinlandsprodukt und zum PCE-Preisindex. Gleichzeitig erreichen die Quartalsberichte mit Microsoft, Meta Platforms, Apple und Amazon einen Höhepunkt. Nach den jüngsten Kursverlusten im Technologiesektor werden Anleger weniger auf das reine Umsatzwachstum als auf Investitionsausgaben, freie Cashflows und die erwartete Rentabilität der KI-Projekte achten. Zusätzlich stehen Entscheidungen der Bank of Japan und der Bank of England bevor.
Insgesamt spricht die Ausgangslage für eine freundlichere Eröffnung in Europa und den USA. Der Rückgang der Ölpreise nimmt kurzfristig Druck von Inflation, Anleiherenditen und Unternehmensmargen. Von einer nachhaltigen Trendwende kann jedoch noch nicht gesprochen werden. Entscheidend wird sein, ob aus der militärischen Pause konkrete politische Vereinbarungen entstehen und ob der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus wieder zunimmt. Eine erneute Eskalation könnte den Ölpreis, die Renditen und den US-Dollar sehr schnell wieder nach oben treiben. Für den heutigen Handel bleibt daher ein vorsichtiges „Risk-on“-Umfeld das wahrscheinlichste Szenario – allerdings mit einer weiterhin erhöhten Anfälligkeit für politische Schlagzeilen.

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