Investoren wissen, dass man ein Kurs-Gewinn-Verhältnis eines börsennotierten Unternehmens dadurch berechnen kann, indem man den Aktienkurs durch den Gewinn je Aktie teilt. So kann man ermitteln, wie teuer oder günstig ein Unternehmen an der Börse bewertet ist. Aus der Rückrechnung des Kurs-Gewinn-Verhältnis kann man auch ein Kursziel für ein Unternehmen berechnen, wenn man zuvor Schätzungen über den Gewinn tätigen konnte.

Im aktuellen Marktumfeld ist ausgerechnet das allerdings nicht mehr möglich. Viele Unternehmen haben ihre Jahres Ausblicke komplett gestrichen. Sie fahren auf Sicht. Das Vertrauen der Anleger ist derzeit gelinde gesagt angeknackst, sodass die Situation dadurch zusätzlich erschwert wird, dass man nicht sagen kann, welches Kurs-Gewinn-Verhältnis teuer oder günstig im aktuellen Marktumfeld ist.

Anleger bereiten sich darauf vor, dass die anstehende Berichtssaison nicht sonderlich gut ausfallen wird. Nun richten Anleger ihr Augenmerk stärker auf die zweite Jahreshälfte aber auch darauf, wie die Unternehmen mit den wirtschaftlichen Einbußen durch das Coronavirus zurechtkommen. 

Trennt sich die Spreu vom Weizen?

Analysten von Goldman Sachs rechnen damit, dass Anleger im Verlauf des zweiten Quartals Unternehmen, die unter den staatlichen Rettungsschirm schlüpfen könnten oder dies bereits taten an der Börse besser abschneiden könnten als jene, die dazu nicht in der Lage sind.  

Bereits jetzt - Ende März - ist etwa ein Streit in der US-Politik darüber entbrannt, ob  die Betreiber von Kreuzfahrtschiffen staatliche Hilfe anfordern dürfen oder nicht. Aus dem zwei Billionen USD schweren Konjunkturpaket wurden sie ausgeschlossen. Die US-Regierung davon abgewichen, Firmen wir Carnival, Norwegian oder Royal Caribbean zu stützen, da diese nicht in den USA registriert sind und dort eben auch keine Steuern zahlen. Diese Firmen haben ihre Schiffe etwa in Panama oder anderen steuervergünstigten Ländern registriert und können somit eben auch nicht mit Stützen der US-Regierung rechnen.

Die Waffenlobby NRA pocht darauf, dass der Verkauf von Waffen in Läden über die gesamten Vereinigten Staaten hinweg weiterhin auch während der Quarantänezeit möglich bleiben soll, der Besitzer der Kauf von Waffen zu einem Grundrecht zähle und damit Teil der Grundversorgung der Menschen sei. 

Adidas kündigte zeitweise an, seine Mieten nicht mehr bezahlen zu wollen, da diese Möglichkeit privaten Mietern, die in finanzielle Nöte wegen eines Arbeitsplatzverlustes oder aufgrund von Kurzarbeit geraten sind, angeboten wurde. Nun ruderte der Konzern zurück. Private Vermieter sollen ihre Mieten weiterhin erhalten.

Der Frankfurter Oberbürgermeister  Brecht am Wochenende mit der Idee vor, die Lufthansa zeitweise zu verstaatlichen. Dieser Vorschlag stößt beim Konzern auf wenig Gegenliebe. Die Fluggesellschaft sieht sich für die Krisenzeit ausreichend gerüstet. 

Diese Beispiele zeigen, dass es keine einheitliche beste Antwort auf die Krise gibt. Annahmen, die als gesichert gelten, müssen neu gedacht werden. 

Der Schaden wird immer besser abschätzbar

Über die tatsächlichen wirtschaftlichen Auswirkungen der Maßnahmen gegen das Coronavirus ist noch relativ wenig bekannt. Die anstehende Berichtssaison wird uns ermöglichen darauf zu hören, was die Unternehmen,  die in den einzelnen Sektoren der Wirtschaft tätig sind, zu den Schäden zu sagen haben.

So bedeutsam ist das Coronavirus

Amenity Analytics hat mit Hilfe automatischer Stimmanalyse überprüft, in welchen Sektoren das Coronavirus die größten Auswirkungen haben könnte. Weltweit gab es bereits 2429 börsennotierte Unternehmen, die ihre Quartalszahlen vorläufig oder planmäßig präsentierten und sich mindestens einmal zu dem Thema Coronavirus äußerten. 

Dabei wurde das Wort “Coronavirus” 16691 Mal erwähnt. Eine besonders hohe Häufigkeit der Nennung des Wortes gab es in den Sektoren Healthcare und Konsumgüter. Hier wurde das Wort im Schnitt zwischen 7,7 und 8,4 Mal pro Quartalszahlen-Pressekonferenz erwähnt. Vergleichsweise geringe Auswirkungen scheinen in den Bereichen der Energieversorger und im Immobilienbereich vorzuherrschen. Dort wurde das Wort Coronavirus im Schnitt nur 4 bis 4,6 Mal erwähnt.

Top-Nennungen von "Coronavirus" in Quartalsberichten:

  • Deutsche Post: 49 Nennungen
  • Lanxess 46 Nennungen
  • Inovio Pharma: 65 Nennungen
  • Aramex: 65 Nennungen
  • Novavax: 56 Nennungen
  • Yum China Holdings: 47 Nennungen

Der Spitzenreiter unter den deutschen Unternehmen bei der Erwähnung des Wortes Coronavirus in der Vorlage der Quartalszahlen stellt bisher die Deutsche Post mit 49 Nennungen auf, gefolgt von Lanxess mit 46 Nennungen. Auch adidas mit 32 Nennungen und Siltronic mit 31 Nennungen rangieren auf den weltweiten Spitzenplätzen in der Statistik.

Kurioserweise wurde das Wort bei der Commerzbank bislang nur einmal erwähnt, obwohl die Bank als Kreditgeber an die Wirtschaft derzeit eine sehr große Rolle spielt. 

Amenity Analytics weist allerdings darauf hin, dass die Daten ungefiltert sind und auch Wortmeldungen und Nachfragen von Journalisten enthalten können, in denen das Wort “Coronavirus” erwähnt wurde. 

Analysten passen ihre Schätzungen an

 Daten von Factset  zufolge könnten die Gewinne im S&P 500 Index für amerikanische Standard Aktien im ersten Quartal gegenüber dem Vorjahr um 5,1% gesunken sein. Das wäre der stärkste Rückgang seit dem ersten Quartal des Jahres 2016. Es ist allerdings gut möglich, dass diese Schätzungen noch weiter sinken werden, da darin lediglich ein Anstieg der Arbeitslosenquote in den Vereinigten Staaten im 0,4 Prozentpunkte auf 3,9 % enthalten ist. Es ist aber gut möglich, dass die Arbeitslosenquote am Ende weit höher liegen wird. Außerdem ist noch nicht vollumfänglich bekannt, wie sich der starke Ölpreisrutsch auf unter 20 US-Dollar pro Barrel WTI auf die Gewinnsituation des Energiesektors auswirken wird. 

Erstaunlich widerstandsfähige Aktienkurse

In den vergangenen Tagen haben die Aktienmärkte eine erstaunliche Widerstandsfähigkeit gegenüber schlechten Nachrichten entwickelt. In den USA, dem neuen Brennpunkt der Corona-Pandemie, rechnet der oberste Virus-Bekämpfer Anthony Fauci mit bis zu 200.000 Covid-19-Toten. Sein Präsident rudert daraufhin zurück und will an den Lockdown-Maßnahmen bis Ende April festhalten. Zuvor war noch der Ostersonntag als Deadline genannt worden. 

Auch in Europa ist noch keine Verlangsamung bei der Rate der Corona-Neuinfektionen und damit auch kein Ende des wirtschaftlichen Stillstands in Sicht. Die Wirtschaftsweisen rechnen mit einem Einbruch des Bruttoinlandsprodukts zwischen 2,8 und 5,4 Prozent im laufenden Jahr, je nachdem, wie lange die Einschränkungen anhalten werden.

Und dennoch kann sich die Wall Street weiter stabilisieren. Das kann auch daran liegen, dass gerade immense Summen durch Pensionskassen am Aktienmarkt veranlagt werden. Das erzeugt eine Weile eine höhere Nachfrage. Außerdem darf man nicht vergessen, dass wir uns trotz aller Corona-Panik gerade in einer saisonal sehr starken Zeit befinden, in der Aktien normalerweise steigen. Wenn dieser Effekt aber einmal abgeklungen ist, könnten die Märkte wieder in ein Nachfrageloch hineinfallen.

Tragische Zuspitzung 

Eigentlich rechnen Analysten Ende des  vierten Quartals mit dem Ende einer Gewinnrezession,  die das gesamte Jahr 2019 über angehalten hat. Nun ist mit einer Fortsetzung  und einer Vertiefung der Rezession zu rechnen. Die alten Prognosen können über Bord geworfen werden.  Die Gewinnerwartungen fallen schnell, da die Unternehmen jetzt Tatsachen vorlegen, wie schnell die Nachfrage nach ihren Produkten gerade abnimmt.  ein besonders gutes Bild werden darüber chinesische Unternehmen geben können.

Aber auch amerikanische Unternehmen wird es treffen. Bis heute haben bereits über 70 der 500 im S&P 500 Index gelisteten Aktiengesellschaften  ihre Gewinnprognosen zusammengestrichen. Die Ergebnisse zum zweiten Quartal werden wahrscheinlich noch schlimmer werden, da hier der komplette Shutdown enthalten sein wird Reisebeschränkungen, die Aussetzung von Sportereignissen, soziale Distanzierung, Probleme bei der Bezugskette von Gütern  und potenzielle eine Überlastung des Gesundheitssystems können eine Serie an Nachfrageschocks auslösen, deren Ausmaß man derzeit nicht genau kennt.

Die umfangreichen geldpolitischen Stützungsmaßnahmen der amerikanischen Notenbank sowie das über 2 Billion US-Dollar starke Konjunkturpaket der US-Regierung zeigen zusammen mit ähnlichen Maßnahme die auch in Europa und Deutschland ergriffen wurden wie ernst die Lage ist. 

Aber es gibt auch gute Nachrichten: Je früher das Coronavirus überwunden werden kann,  desto früher kann es auch zu einem Aufschwung zum Ende des Jahres 2020 oder Anfang des Jahres 2021 kommen.