Kann die EZB den DAX nachhaltig über 10.000 heben?

Das Ergebnis der Europawahl im vergangenen Monat stellte ein Erdbeben unter den etablierten Parteien in ganz Europa dar. Es beleuchtet die Schwierigkeiten des politischen Establishments in Brüssel und dessen Umgang mit einer Krise, die keine Anzeichen einer schnellen Lösung gibt. Schwaches Wachstum und hohe Arbeitslosigkeit im Euroraum sind eine direkte Konsequenz des fiskalischen Anpassungsprozesses, der im Währungsraum vonstattengeht. Für das politische Establishment ist es verlockend, das Wahlergebnis nur als einen Protest der Wählerschaft abzustempeln, die empört darüber ist, von ihrer politischen Elite ignoriert zu werden. Dies wäre ein Fehler, wenn man beachtet, dass der Protest über das gesamte politische Spektrum rechts wie links kam, mit starken Zuwächsen der Linken in Griechenland und Spanien und der Rechten in Frankreich. Europäische Anführer haben nun die Möglichkeit, lange und gewissenhaft über die Weichenstellung der europäischen Wirtschaftspolitik für die nächsten Jahre nachzudenken. Unternehmen sie die richtigen Schritte, dann wird Europa als Ganzes profitieren, bei einer falschen Weichenstellung dagegen wird Europa Schwierigkeiten haben, überhaupt in den nächsten 5 bis 10 Jahren zu wachsen. Die Europäische Zentralbank kann nur die Dinge tun, die ihr im Rahmen ihres Mandates erlaubt sind. Das bedeutet, dass nun Politiker gefragt sind, Reformen einzuleiten, die vermutlich auf kurze Sicht unpopulär sind, aber auf längere Sicht Früchte tragen. Denn während die Aktienmärkte positiv auf die jüngsten EZB-Maßnahmen reagierten, ist es dennoch schwer vorstellbar, dass, während die Geldpolitik sich in experimentelles Gefilde begibt, die 400 Milliarden Euro schwere Banken-Finanzspritze (TLTRO) sehr viel erfolgreicher sein wird als der viel größere 2 Billionen Euro schwere Vorgänger (LTRO). Letzteren setzt die EZB bereits seit zwei Jahren ein, ist damit aber gescheitert, wenn man das laue Wirtschaftswachstum und die hohe Arbeitslosigkeit als Maßstab nimmt. Soweit es die Finanzmärkte betrifft, müssen europäische Politiker versuchen, Strategien anzuwenden, um den Euro zu drücken, und es für kleine Unternehmen einfacher machen, zu wachsen und neue Stellen zu schaffen. Mit den enttäuschenden BIP-Zahlen des ersten Quartals in frischer Erinnerung und Aktienmärkten in Europa in bemerkenswert starker Verfassung drängt sich die Frage auf, ob Investoren die wirtschaftliche Erholung möglicherweise überschätzen, die in Europa über die nächsten 12 Monate beobachtet werden wird. Sollte dies so sein, besteht die Möglichkeit, dass der aktuellen Rallye an den Aktienmärkten irgendwann die Puste ausgeht, insbesondere im DAX, der gegenwärtig darum kämpft, sich nachhaltig über der psychologisch wichtigen Marke von 10.000 Punkten zu etablieren. Seit der Kurs des deutschen Leitindex über die 9.800-Punkte-Schwelle gebrochen ist, kannte dieser eigentlich nur eine Richtung: nach oben. Und die aktuelle Bewegung könnte den Index durchaus auch noch höher treiben, sollte dieser sich über 10.000 Zählern halten können. Ob man daran glaubt, dass die Unternehmensbewertungen die Fundamentaldaten widerspiegeln, ist eigentlich egal. In einem Umfeld fallender Zinsen sind Investoren bereit, ihre Liquidität in Aktien umzuschichten, bis sie das Gefühl haben, dass ihr Geld woanders besser aufgehoben ist. Deshalb ist es wichtig, Trends zu beobachten. Gegenwärtig ist der Trend im DAX bullisch, und bis dieser unter die 9.800-Punkte-Marke fällt, ist es wahrscheinlich, dass Rücksetzer zum Einstieg genutzt werden. Mithilfe der Charttechnik lässt sich eine potenzielle Bewegung bis an 10.225 Punkten projizieren. Um das aktuelle Momentum zu halten, sollte der Kurs allerdings über 9.865 Punkten, dem letzten Bewegungstief, bleiben. Zusätzliche Unterstützung könnte sich in Form der Aufwärtstrendlinie aus dem März-Tief bilden. Von Andreas Paciorek, Market Analyst Germany & Austria